30 Jahre Jubiläum: Figuren im Wandel
Ich filze nicht mehr wie vor 30 Jahren und das ist gut so. Wenn ich meine ersten Figuren von damals neben die heutigen stelle, sieht man die Veränderung. Formen, Farben, Größen, Details. Vieles hat sich in drei Jahrzehnten weiterentwickelt. Und trotzdem gibt es etwas, das von Anfang an geblieben ist: meine Blumenkinder.
Mit ihnen hat alles begonnen. Sie haben mich durch all die Jahre begleitet und sind bis heute ein fester Bestandteil von Rumpelfilzchen. Aber auch sie sind nicht einfach dieselben geblieben. Sie sind mit mir gewachsen und dabei sogar kleiner geworden.
Manchmal bedeutet Veränderung kleiner zu werden
Ein Grund dafür waren die Fachl, in die meine Figuren irgendwann einzogen. Am Anfang waren es sieben, heute konzentriere ich mich auf ein Fachl in Konstanz. Diese Fachl sind kleine Obstkisten. Viel Platz ist darin nicht. Also musste ich überlegen: Wie bekomme ich meine Welt in dieses kleine Format? Die Antwort war eigentlich ganz einfach. Ich mache die Figuren kleiner.
So entstanden immer mehr Mini-Formate. Meine kleinsten Figuren sind gerade einmal vier Zentimeter groß. Und trotzdem ist alles da. Das Kleidchen. Die Flechtfrisur. Die winzigen Blüten. Das Gesicht. Nichts muss fehlen, nur weil eine Figur kleiner wird. Eigentlich ist sogar das Gegenteil passiert: Je kleiner die Figuren wurden, desto wichtiger wurden die Details.
Eine Idee, die immer weiterwächst
Auch meine Gucker begleiten mich schon lange. Sie sind eine meiner eigenen Entwicklungen und aus meinem Sortiment heute kaum noch wegzudenken. Natürlich ist das Grundprinzip eines Wesens, das auftaucht und wieder verschwindet, nicht völlig neu. Man kennt zum Beispiel Tütenkasper aus Pappe und Stoff mit einer Holzkugel.
Aber ich wollte daraus etwas Eigenes machen. Meine Gucker bestehen aus Filz. Wenn man das kleine Wesen hineinzieht, schließt sich der Deckel von selbst. Zieht man es wieder hervor, schaut plötzlich ein Gesicht heraus. Eine kleine Bewegung und schon entsteht ein Spiel.
Mit der Zeit wurden es immer mehr. Waldtiere. Bauernhoftiere. Afrikanische Tiere. Fabelwesen.
Inzwischen gibt es über vierzig verschiedene Gucker und die Familie wächst immer noch weiter.
„Gibt es das auch?“
Viele neue Ideen entstehen gar nicht allein an meinem Filztisch. Sie kommen zu mir. Auf Märkten bleiben Menschen vor den Guckern stehen, schauen sich die verschiedenen Tiere an und fragen: „Gibt es das auch als …?“
Manchmal lautet meine Antwort: „Noch nicht.“
Aber im Kopf hat die Arbeit dann oft schon begonnen. Wie könnte dieses Tier aussehen? Was ist typisch dafür? Wie bekomme ich seinen Ausdruck hin? Und irgendwann sitzt ein neuer Gucker auf meinem Tisch.
So entwickelt sich mein Sortiment bis heute weiter – durch Beobachtungen, eigene Ideen, aber auch durch die Wünsche und Fragen der Menschen, die meinen Figuren begegnen.
Wenn aus einem Foto eine Figur wird
Mit den Jahren kamen auch immer mehr Auftragsarbeiten hinzu. Menschen schicken mir zum Beispiel Fotos ihrer Haustiere. Von einem Hund, der schon viele Jahre zur Familie gehört. Von einer Katze mit einem ganz bestimmten Blick. Von einem Tier, bei dem sofort klar ist: Genau dieses soll es sein. Dann versuche ich nicht, einfach ein Foto in Wolle zu kopieren. Ich suche nach dem Wiedererkennen. Nach diesem kleinen Etwas, bei dem der Mensch am Ende sagt: „Ja. Das ist er.“
Das ist jedes Mal etwas Besonderes. Denn plötzlich ist es nicht einfach irgendein Hund oder irgendeine Katze aus Filz. Es ist ein Tier, das für jemanden eine ganz persönliche Bedeutung hat. Und bei Haustieren ist es nicht geblieben. Ich habe Fabelwesen umgesetzt, ein Sandmännchen, Hochzeitspaare, Füchse und viele andere ganz persönliche Wünsche.
Erst verstehen, dann gestalten
Ich sage manchmal: Dem Rumpelfilzchen ist nichts zu schwer. Damit meine ich nicht, dass alles sofort fertig in meinem Kopf liegt. Manchmal muss ich erst grübeln. Wie kann ich diesen Wunsch umsetzen? Welche Form braucht er? Welche Technik? Welcher Ausdruck passt dazu?
Denn für mich geht es nicht nur darum, ein bestimmtes Motiv zu filzen. Ich muss es zuerst verstehen und dann beginnt das Ausprobieren. Manchmal entsteht die Lösung sofort. Manchmal verändert sich eine Idee während des Filzens. Und manchmal führt ein Versuch plötzlich in eine ganz andere Richtung. Das gehört für mich zur Entwicklung dazu.
Nicht alles muss bleiben
In 30 Jahren probiert man natürlich auch Dinge aus, die irgendwann wieder verschwinden. Ich habe Schuhe gefilzt. Hüte. Taschen. Das war interessant, und auch diese Arbeiten gehören zu meinem Weg. Aber heute würde ich sie nicht mehr machen. Sie sind größer, funktionaler und werden von vielen anderen Filzerinnen und Filzern ebenfalls hergestellt.
Mir fehlte dabei irgendwann das, was mich an meiner Arbeit am meisten begeistert: das Verspielte. Das Kleine. Der Ausdruck. Das Besondere einer Figur.
Also habe ich diese Dinge wieder losgelassen. Auch das ist Entwicklung. Nicht alles, was man einmal ausprobiert hat, muss man für immer weitermachen. Manchmal muss etwas gehen, damit für das, was wirklich zu einem gehört, mehr Raum bleibt.
Jeden Tag ein kleines Stück weiter
Am Marktstand sagen mir Menschen immer wieder, dass sie sehen können, wie viel Leidenschaft und Liebe in meinen Figuren steckt. Und das stimmt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an meinem Tisch sitze, irgendein Figürchen in den Händen. Ein Tier. Eine Form. Eine Fläche. Und während ich an einer Sache arbeite, denke ich oft schon darüber nach, was als Nächstes entstehen könnte.
Was mich nach all den Jahren selbst immer noch überrascht: Wenn ich etwas Neues angehe, fühlt es sich meistens ganz selbstverständlich an. Ich probiere aus, verändere es und irgendwann ist es da. Ohne dass ich vorher jeden Schritt kennen muss.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich Rumpelfilzchen in 30 Jahren so sehr verändern konnte, ohne seinen Ursprung zu verlieren. Die Figuren sind kleiner geworden. Die Auswahl ist größer geworden. Neue Tiere und Wesen sind hinzugekommen. Manches durfte wieder verschwinden. Aber der Grundgedanke ist geblieben. Vielleicht bedeutet Weiterentwicklung genau das: Nicht immer wieder etwas völlig anderes zu machen. Sondern bei dem zu bleiben, was man liebt – und darin immer wieder etwas Neues zu entdecken.



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